Jugenderinnerungen an die Zartziger Straße

Rudolf Bergemann
aus Joachim Stampa "Stargard in Pommern - Flausen und Schnurren" 1978

Die Stargard-Serie von Joachim Stampa hat die Erinnerung an unsere Heimatstadt sehr stark wieder aufleben lassen. Aus einer Lieferungs-Ankündigung ersah ich, dass jetzt noch mehrere Bände herauskommen sollen, welche Begebenheiten aus alter und neuer Zeit erzählen sollen. Da verstärkten sich die Erinnerungen an die eigene Jugendzeit in unserer Heimatstadt, und es kam mir der Gedanke, sie aufzuschreiben. Hier sind sie:

Familie Bergemann

Die Erinnerungen reichen zurück bis zu den 1 bis 2 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. 1907 in der Zartziger Straße geboren, verlebte ich dort meine Kinder- und Jugendjahre, von denen in der Hauptsache erzählt werden soll. Dabei wird aber auch von der näheren und weiteren Umgebung etwas zu berichten sein. Beginnen will ich mit der Beschreibung der einzelnen Häuser und ihrer Bewohner, soweit sie in unseren Spielbereich fielen, und zwar zunächst die linke Straßenseite feldwärts gesehen. Da war zu Anfang - noch vor der Brücke über die Ravensburg - das Haus Nr. 1. In Nr.1a wohnten die Pastoren Kiesow und Sendtke. Der Eingang war von der Ravensburgstraße aus, die später noch zu erwähnen ist, aber das ausgedehnte Gartengrundstück war für uns interessant. Es hatte viele Obstbäume, deren Zweige zum Teil über die Umzäunung zur Straßenseite hingen. Das außerhalb der Umzäunung fallende Obst war für uns eine willkommene Beute, zumal sich niemand darum zu kümmern schien. Weil uns das aber nicht ausreichte, stiegen wir auch schon mal über den Zaun und auf die Obstbäume. Das ist aus der heutigen Sicht sicher tadelnswert, die Reue kommt ja aber nie zu spät. Einmal waren wir zu zweit innerhalb des Gartens auf einen der Obstbäume geklettert, um uns zu laben, als wir entdeckten, dass aus einem zum Garten hin liegenden Fenster die Söhne von Pastor Kiesow schauten. Um nicht entdeckt zu werden, mussten wir bange Minuten in dem Baum bleiben. In Nr. 3 war die Bäckerei Rodenwald, mit anschließendem Wohnhaus, Nr. 5 enthielt die Fleischerei von Friedrich Höft. Seine beiden Söhne Ernst und Karl gehörten lange Jahre hindurch zu meinen Spielgefährten, bis ihre Eltern im Ersten Weltkrieg nach Zartzig zogen.

Stadtplan 1941 Ausschnitt

Stadtplan Stargard 1941 nach Jürgen Willbarth - Ausschnitt

In dem Haus Zartziger Straße Nr. 7 befand sich der Kolonialwarenladen von Johannes Zillmer (später Johannes Rohde), dem eine Restauration angeschlossen war. In diesem Laden roch es - wie in allen Läden dieser Art - nach Salzhering, Petroleum und Schmierseife; in diesem Fall noch zusätzlich nach Bier.

In Nr. 9 wohnte die Familie Nitz, wohl eins der ältesten Häuser, in dem auch eine Rollkammer enthalten war, eine der Rollkammern, wie sie in Band 3 der Stargard-Serie (Seite 82) beschrieben ist. Es gab einen Gassenhauer, der so begann: „Du kannst mir mal die Rolle drehen...".  Der Beschreibung in Band 3 möchte ich noch hinzufügen, dass wir Jungen das nicht gerne taten, denn abgesehen davon, dass das Drehen an dem großen Kurbelrad recht eintönig und anstrengend war, musste man auch noch darauf achten, dass man den Rollkasten an der richtigen Seite anhielt, wenn ein Rollholz ausgewechselt werden musste. Haus Nr. 11 war Wohnhaus, auch recht alt, desgleichen die Häuser Nr. 13 (Frau Wieck) und Nr. 15 (Erdmann). In dem Wohnhaus Nr. 17 hatten meine Eltern ihre Wohnung. Nach dem Ersten Weltkrieg wohnte ein ehemaliger Offizier (Emil-August Schmidt) in der Nachbarwohnung. Der hatte ein Automobil und einen Chauffeur; das war eine Sensation. Bei Haus Nr. 19 endete unser direkter Spielbereich. Hier wohnte der Postbeamte Petermann und seine Familie, vorübergehend auch Studienrat Dr. Bornefeld und Malermeister Baumann mit ihren Familien.

Die Schilderung der rechten Straßenseite, feldwärts gesehen, beginnt mit dem alten Tennisplatz. Dort ging der Brenkenhofskanal in die eigentliche Ravensburg über. Zwischen dem Tennisplatz und dem Grundstück von Schlossermeister Bernhard Nicol (Haus Nr. 4) floss noch ein Entwässerungsgraben von der Elsnerstraße her. Dieser Entwässerungsgraben wurde im Zusammenhang mit dem Wohnhaus-Neubau von Schlossermeister Nicol, Zartziger Straße 4, unterirdisch mit einem Zementröhren-Tunnel versehen. Bevor das vor sich ging, waren die einzelnen Röhrenglieder, die an der Elsnerstraße vor dem alten Tennisplatz lagen, ideale Spielgelegenheiten für uns. In diesen Spielplatz hatten wir auch den Tennisplatz selbst einbezogen, der während des Ersten Weltkrieges recht verwildert war. Dazu mussten wir zwar den etwa 3 m hohen Zaun überklettern, aber das gehörte eben dazu. Der Nicolsche Neubau war für die damaligen Verhältnisse (er wurde nach meiner Erinnerung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg fertiggestellt) ein recht komfortables Miet-Wohnhaus mit etwa 12 Wohnungen. Die Fußböden des Treppenhauses und der Treppen waren aus Terrazzo, und alle Wohnungen hatten schon Zentralheizung. Der Neubau hatte einen seltenen rosa Anstrich der Außenmauern. Die Söhne Gerhard und Werner Nicol gehörten mit zu unseren Jugendfreunden. Das Grundstück Nr. 6, das auch Schlossermeister Nicol gehörte, war unbebaut, auf Nr. 8 befand sich der Zimmerplatz von Zimmermeister Prielipp, der als Stadtrat dem Magistrat der Stadt Stargard angehörte. Nr. 10 enthielt die Wohnung von Zimmermeister Prielipp; außerdem wohnte dort der Buchhändler Plath (die Buchhandlung selbst befand sich Markt Nr. 4). Sein Sohn, Hans-Ulrich, besaß (damals schon etwas Besonderes) eine mit Spiritusflamme betriebene kleine Dampfmaschine, die uns sehr beeindruckte.

Das Haus Zartziger Straße 12 gehörte einer Witwe Giese. Von dort und von Haus Nr. 14 gibt es nichts Besonderes zu berichten; dafür aber umso mehr von Haus Nr. 16. Hier befand sich im Sommer der Mittelpunkt unseres Spielplatzes, und zwar vorwiegend an und in der Ravensburg. Für uns war es jedenfalls „unsere" Ravensburg. Dass es sich um eine Kanalisierung dieses kleinen Wasserlaufs handelte, nämlich den Brenkenhofskanal, ist mir jetzt erst durch die Stargardbücher von Joachim Stampa bewusst geworden. Zu allen Häusern mit den geraden Hausnummern führten über die Ravensburg Holzbrücken, etwa 1,80 bis 2 m breit, als Fußgängerzugang zu den Hauseingängen. Viel Jugend der Zartziger Straße war jedenfalls im Sommer an der Ravensburg versammelt, und zwar neben der Brücke zu den Häusern Nr. 14 und 16. Der Wasserlauf der Ravensburg, die sonst recht morastig war, hatte hier schönen hellen Sand, der unser Tummelplatz war; sehr zum Missfallen der Bewohner, besonders des Eigentümers beider Häuser, Steinmetzmeister Kohn. Der war dann besonders böse, wenn wir die herabgefallenen Pflaumen aufsammelten. Soweit sie in die Ravensburg gefallen waren, oder am rechten Ufer lagen, hatte Herr Kohn wohl keinen Grund einzuschreiten. Wenn sich aber einige weiter vorwagten und die Pflaumen herabschüttelten, erregte das (berechtigterweise) den Zorn von Herrn Kohn. Einmal wollte er einen der Übeltäter greifen, den er in seinem Zorn durch die Ravensburg verfolgte, ohne Erfolg; er bekam nur nasse Schuhe und Hosen. Wir mussten jedenfalls immer auf der Hut sein. Sicher war unser Verhalten verbotswidrig, denn allein die Beschädigung der Uferbefestigung infolge des Ein- und Aussteigens aus dem Wasserlauf ist - rückschauend betrachtet - zu beanstanden gewesen. Im Unterbewusstsein war uns das auch wohl klar, denn die Obrigkeit in Gestalt des Polizeisergeanten Köhn, der einen wallenden Vollbart hatte und im Land-Usedom wohnte, erforderte unsere volle Aufmerksamkeit, wenn es hieß: „Polizei Köhn kommt", eine sehr respektable Persönlichkeit.

Mit Haus Nr. 18 verbindet sich eine Erinnerung, die noch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückgeht. Dort wohnte u.a. die Familie Stolterfoth. Deren Sohn (Willi?) begleitete mich einmal zu Kaufmann Zillmer, wo ich für meine Mutter Salz kaufen sollte, das noch zum Mittagessen gebraucht wurde. In dem Zillmerschen Laden fiel die Aufmerksamkeit meines Begleiters auf einen Behälter mit Mohrenköpfen (auch Negerküsse genannt). Ich war schnell überredet und erwarb anstelle des Salzes für das mitgebrachte Kleingeld Mohrenköpfe, die wir beide genüsslich verzehrten. Dieser Vorfall ist bei mir deshalb so haften geblieben, weil meine Mutter - ohne sofort zu tadeln - das Salz selbst kaufte und mich dann später zu Hause in gütlichem Ton auf die Ungehörigkeit meines Handelns hinwies.

Skatspielen habe ich in Haus Nr. 20 gelernt, und zwar gemeinsam mit meinem Bekannten Albert Müller bei Opa Ziehm in der Müllerschen Wohnung - Opa Ziehm war ein strenger Lehrmeister, dessen gelindester Tadel die Rüge war : „Du Döskopp! wie kannst du nur Karo ausspielen, Herz musste kommen!"

Auf dem Grundstück Nr. 22 (zur Elsnerstraße hin) hatte mein Vater, Tischlermeister Paul Bergemann, eine Möbeltischlerei. Er ist schon im November 1914 in Rußland gefallen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges spielte ich häufiger in der Nähe der Werkstatt meines Vaters. Einmal war Theophil Marohn dabei, dessen Eltern damals in Haus Nr. 26 wohnten. Wir bekamen Meinungsverschiedenheiten, in deren Verlauf er mir mit einer Spielschaufel über den Kopf schlug. Unangenehm war für mich dabei nur der Umstand, dass an dem Schaufelstiel ein Nagel hervorstand, der eine stark blutende Kopfwunde verursachte. Als „Vergeltung" für diese seine Tat habe ich Theophil Marohn einige Zeit später aus der Ravensburg gezogen, in die er beim Spiel kopfüber hineingefallen war.

Wenn uns der geschilderte Spielbereich zu eng wurde, unternahmen wir Ausflüge zur Weißen Brücke, die hinter Neu-Mexiko über den Großen Krampehl führte. An dieser Brücke war die schönste Badestelle, die wir kannten. Der Weg dorthin ging entweder über die Elsnerstraße, Eschenweg, Eichenweg, Werdertrift, über Neu-Mexiko oder Elsnerstraße, Eschenweg, Eichenweg durch die Eisenbahn- (Flut-) brücke an den Großen Krampehl und weiter bis zur Weißen Brücke. Ganz ungetrübt war das Baden an der Weißen Brücke nicht, denn zum Uferschutz stand dort ein Pfahl mit einer Tafel „Baden verboten". Unsere Aufmerksamkeit galt bei diesen Badefreuden immer dem Feldwärter Barfknecht, der mit seinem großen Hund für Ordnung in der Feldmark sorgte. Wenn „Fießchen" Barfknecht, so wurde er bezeichnet, mit seinem Hund auch nur ganz von ferne zu sehen war, traten wir den Rückmarsch an, oder änderten unsere Marschrichtung. Woher er den Spitznamen „Fießchen" hatte; oder was er bedeutete, haben wir nie erfahren. Er war jedenfalls für uns neben „Putz" Köhn eine weitere Respektsperson, der wir nach Möglichkeit aus dem Wege gingen. Ein kleines Erlebnis ist noch in meiner Erinnerung: Gerhard und Werner Nicol hatten von ihrem Vater den Auftrag, Frühkartoffeln von einer kleinen Parzelle am Pflaumenweg zu holen, die ihrem Vater gehörte. Wir wollten damit an Ort und Stelle ein Pellkartoffel- und Heringsessen verbinden, kauften uns 3 Salzheringe bei Kaufmann Zillmer (Nachfolger Joh. Rohde), legten sie in eine leere Konservenbüchse und machten uns auf den schon geschilderten Weg zur Weißen Brücke. Dort wurde zunächst gebadet und die Heringe mit Wasser aus dem Großen Krampehl versorgt. Dann ging es weiter in Richtung Stadtwald über die Teufelsbrücke (auch Wuppelbrücke genannt) zur Nicolschen Parzelle am Pflaumenweg. Nachdem genügend Kartoffeln geerntet waren, machten wir aus trockenem Kartoffelkraut und trockenen Zweigen ein Feuer, in das wir für 3 hungrige Mägen ausreichend Kartoffeln legten, in der Annahme, sie würden dabei gar werden. Das Feuer war aber wohl nicht stark genug, denn die Kartoffeln blieben innen roh, und die Heringe, die wir inzwischen ausgenommen hatten, waren natürlich noch tüchtig salzig. Das Ganze wurde damit zu einem recht unzureichenden Mittagessen, das außerdem noch ziemlichen Durst verursachte. Bei dem ganzen Unternehmen galt unsere Aufmerksamkeit wieder Fießchen Barfknecht, obwohl unser Tun in diesem Falle völlig legal war.

Nun zu einem anderen Vergnügen: An einem Sonntag Vormittag fragten uns die Brüder Hans und Eberhard Droß, die eigentlich sonst nicht zu unserem Jugendkreis gehörten, ob wir uns an einem „Feldzug" gegen die Jugend von Zartzig beteiligen wollten. Was die Ursache für dieses Unternehmen war, blieb unklar. Im Handumdrehen waren etwa 10 - 12 Jungen beisammen, und es ging über die Zartziger Wiesen an den Kleinen Krampehl bis zu dessen Durchbruch durch den Eisenbahndamm, der rundbogig gemauert war (wir nannten ihn das „Mauseloch"). Über diesen gemauerten Rundbogen-Durchbruch ging es weg zu den „Zartziger Schanzen". Das war ein steil abfallender Erdhügel, von dem aus ein Feldweg an den Dorfrand von Zartzig führte, wo sich auch bald unsere Gegner versammelten. Zunächst begann es mit gegenseitigen Beschimpfungen, aber bald flogen kleine Steinchen hin und her, und infolge der zahlenmäßigen Übermacht der Zartziger Jungen mussten wir uns über die Schanzen und den Mauselochbogen auf das andere Ufer des Kleinen Krampehls zurückziehen. Nachdem einer von uns einen Stein an seine Schirmmütze bekommen hatte, war der Feldzug dann auch bald zu Ende, für diesen Sonntag Vormittag jedenfalls. Wir wiederholten das zwar noch an einigen folgenden Sonntagen, aber der Ablauf blieb der gleiche und wurde dann uninteressant. Weil wir nun schon „auf den Geschmack gekommen" waren, richteten sich unsere spielerischen Auseinandersetzungen etwas später gegen die Jugend der Wieckstraße. Ein Anlass war bald gefunden durch kleine Anpöbelungen, und es ging los. Unsere Kontrahenten von der Wieck erwarteten uns an der Elsnerstraße vor dem Eingang zum Stadtbauhof. Zunächst blieb es bei den gegenseitigen Beschimpfungen, bis dann irgend ein „Rohling" lange Stangen als „Bewaffnung" besorgt hatte. Verletzt wurde aber niemand; die Stangen sollten auch wohl nur Respekt erzeugen. Die „Kämpfe" wogten hin und her , bis sich die Wieck-Jugend in den Zugang zum Hof der „Mielkeschen Kaserne" zu Anfang der Wieckstraße (gleich hinter Ackerbürger Zillmer ) zurückzog, der für uns uneinnehmbar erschien, und dieses Spiel war damit auch bald zu Ende.

Die zu Beginn der Zartziger Straße über die Ravensburg führende Brücke war anfangs noch aus Holz (sie wurde später in Beton ausgeführt). Unter dieser Brücke verliefen die Versorgungsleitungen für die Zartziger Straße (Wasserleitung, Gas, Kanalisation), die von einem Ufer zum anderen mit einer kastenförmigen Holzverschalung umkleidet waren. Einige Wagemutige krochen einmal durch diesen Verschalungsschacht. Als sie am anderen Ufer herauskamen, waren sie nicht wiederzuerkennen; sie waren vollkommen mit Spinnweben, Würmern und Dreck bedeckt, und es war auch das einzige Mal dieser „Höhlenforschung", die ja nicht ungefährlich war. Trotzdem trieb die Neugier einige Jungen dazu, auch den Röhrentunnel zwischen dem Nicolschen Haus und dem alten Tennisplatz zu erforschen. Nach etwa 10 - 12 Metern kehrten sie aber um, weil das doch zu unheimlich war.

Das Mauseloch gehörte zu einem sehr schönen Spazierweg: Ravensburgstraße, Kuhbrinksdamm (zwischen Maschinenfabrik Hurlin und Schützenhaus), am kleinen Krampehl entlang durch das Mauseloch weiter bis zur Brücke über den Kleinen Krampehl (Dorfeingang Zartzig). Manchmal wurde der Spaziergang noch weiter ausgedehnt, und zwar durch Zartzig hindurch bis zur Hammermühle. Dort war das tief eingewaschene Bett des Großen Krampehls herrlich und eindrucksvoll, wie in einem Märchenwald. Das schon mehrfach erwähnte ,.Mauseloch" muss noch näher beschrieben werden. Feldwärts gesehen - also in Richtung auf Zartzig -, hatte es links einen schmalen Fußgängerweg, so schmal, dass immer nur eine Person ihn benutzen konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des halbkreisförmigen Mauseloch-Mauerwerks (nach Zartzig zu) war eine Kohlezeichnung zu sehen, die eine Person mit erhobenem Arm darstellte. Diese Zeichnung soll - so wurde gruselig erzählt - ein Mann angebracht haben, bevor er sich im Wasserlauf des Kleinen Krampehls aus Liebeskummer erschossen habe. Damals erschien uns diese Zeichnung, die immer - auch bei späteren Spaziergängen in den zwanziger Jahren - beim Durchschreiten des Mauselochs Interesse fand, etwas primitiv; heute würde man sie unter den Begriff „abstrakte Kunst" einordnen können.

Zartziger Straße - Google Map 2014
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Fast jeder erinnert sich mit Stolz an die Straße und ihre Umgebung, in der er seine Jugend verbrachte. Bei meinen Erinnerungen an die Jugendjahre in der Zartziger Straße mag sicher auch Lokalpatriotismus mitspielen, wenn ich sie für eine der schönsten unserer Heimatstadt hielt. Feldwärts gesehen, hatten die Häuser mit den ungeraden Hausnummern auf der linken Straßenseite kleine Vorgärten, dann kam ein schmaler Fußgängerweg, rechts davon die Fahrbahn, die erst in den zwanziger Jahren gepflastert wurde. Sie war zu beiden Seiten mit alten Kastanienbäumen bestanden. Zu dem sich dann anschließenden breiten Fußgängerweg führte eine schräge Böschung, weil der Fußgängerweg etwa 1 Meter tiefer lag als der Fahrdamm. Dieser schöne Fußgängerweg war ursprünglich begrenzt von Bäumen (Eschen?), die leider während des 1. Weltkrieges gefällt wurden. Es folgte ein etwa 3 m breiter Grünstreifen, und dann kam „unsere" Ravensburg (sprich: Brenkenhofskanal ) . Die Häuser auf der rechten Straßenseite mit den geraden Hausnummern, zu deren Eingängen Holzbrücken für Fußgänger über die Ravensburg führten, hatten größere Vorgärten. Kürzlich war in einem Reisebericht zu lesen, dass der Fahrdamm für eine Fernstraße verbreitert und der Fußgängerweg auf die andere Seite der Ravensburg verlegt worden sei. Ob es da nun auch wieder die romantischen Fußgängerbrücken gibt? Nun zur Ravensburgstraße: Sie führte, wenn man von der Zartziger Straße aus zum Schützenplatz ging, rechts ab, und war in dieser Richtung nur rechts bebaut, hatte einen Fahrdamm und einen sehr schönen, fast promenadenartigen Fußgängerweg, der zu beiden Seiten von alten Kastanienbäumen umsäumt war. Links davon ein Grünstreifen, an dem sich die Ravensburg entlangschlängelte. Zu den schönsten Erinnerungen gehört der Weg die Ravensburgstraße entlang zum Schützenplatz, auf dem alljährlich zu Pfingsten der „Rummel" aus Anlass des Schützenfestes der Schützengilde stattfand. Hauptanziehungspunkt und Treffpunkt der Jugend war Rohweders Berg- und Talbahn, und noch heute sind die Melodien der großen Orgel, die in der Mitte der Berg- und Talbahn stand, in guter Erinnerung, wenn die alten Melodien hin und wieder auch heute noch mal zu hören sind. Bei diesem schönen Volksfest unserer Heimatstadt habe ich auch meine Frau kennengelernt, deren Eltern- und Geburtshaus Mühlengasse 9 war. Kürzlich fanden wir eine alte Ansichts-Postkarte aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg wieder, die einen Blick von der Peter-Gröning-Straße auf das Mühlentor zeigte; im Hintergrund war das Geburtshaus meiner Frau (Mühlengasse 9 , nahe der Karow'schen Mühle) zu erkennen.

Obwohl es nicht direkt zum Thema gehört, noch zum Abschluss eine Erinnerung an die Besonderheit der Jugend unserer Heimatstadt: Das „Karree-Schieben" Markt/Radestraße/Holzmarktstraße. Das war ein langsames Promenieren Jugendlicher, meist zu zweien nebeneinander, wobei man sich in der Gegenrichtung dann begegnete (Endlos -Spazierengehen vom Markt (Ascher) - Radestraße - Holzmarktstraße (bis zur Jägerstraße) und dann in Gegenrichtung zurück; es fand am Spätnachmittag so bis gegen 19 Uhr statt. Wenn man es eilig hatte, musste man die andere Straßenseite der Holzmarktstraße und Radestraße, oder die Pyritzer Straße benutzen. Sicher waren die Geschäftsinhaber der Holzmarktstraße / Radestraße über dieses Karree-Schieben nicht erfreut, aber wem hat es damals unter den Jugendlichen der zwanziger Jahre nicht Spaß gemacht? Das Gleiche gab es im Sommer abends auch in der Bahnhofstraße, wenn im Garten von Cafe Ortmann Unterhaltungsmusik gespielt wurde.

So sind die Kinder- und Jugendjahre, auch wenn sie durch die Zeit des Ersten Weltkrieges sehr überschattet und die zwanziger Jahre auch durchaus nicht für jeden goldig waren, rückschauend betrachtet, in schöner Erinnerung geblieben.

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