Kriegsende 2. Weltkrieg

Eine Aufzeichnung des Radio‑, Musik‑ und Elektrohändlers
Oskar Mielke von der Holzmarktstraße 1 in Stargard in Pommern

Als meine Frau am 13.02.1945 mit 2 Töchtern und 3 Kleinkindern im Alter von 4 Monaten - 2 ½ Jahren Stargard auf einem Lastwagen verließ, dachten wir nicht, dass wir uns erst nach 6 1/2  Monaten unter so veränderten Verhältnissen wieder sehen würden. Meine 72-jährige Mutter war bei mir geblieben, über ihren Verbleib konnten wir später nichts erfahren. Am 18.02.1945 fielen die ersten Bomben in der Hindenburgstraße. Am nächsten Morgen wollte ich - sehr beunruhigt dadurch - auf die Roste vor unseren Kellerfenstern Sandsäcke legen. Als ich welche in der Wohnung suchte, hörte ich durchs offene Fenster ein Flieger Luftgefecht. Luftwarnung war nicht gegeben worden. Plötzlich ein harter Aufschlag! Türen, Bilder, Glasstücke und Mörtel von der Decke fliegen auf mich. Ich suche neben dem Klavier Deckung und laufe dann die Treppen herunter in den Keller. Dann wurde unser Wohnviertel 1 1/2 Stunden lang bombardiert - keine Abwehr mehr. Bei uns und in den umliegenden Häusern war ein Stoßtrupp einquartiert. Die Fahrzeuge standen auf der Straße. Ca. 30 Bomben waren in nächster Nähe gefallen und hatten 8 umliegende Häuser getroffen. Eine der ersten Bomben fiel direkt vor das Nachbarhaus, 3 m von meiner Wohnung entfernt, drückte dort den Luftschutzkeller ein und tötete die Schutzsuchenden. Dort, wo ich die Sandsäcke hinlegen wollte, lag ein toter Pole, der mit einem Handwagen vorbeigekommen war.

Die 2. Bombardierung erfolgte am Abend gegen 19.00 Uhr, danach noch eine gegen 23.00 Uhr. Die Flieger hatten gute Zielbeleuchtung, da mehrere Nachbarhäuser brannten. Unser Haus, Breitestra├če 25, erhielt einen Volltreffer von der Seite in den 1. Stock. Das Zimmer neben unserem Esszimmer wurde mit den darunter liegenden Räumen des Hauswirtes, Schlossermeister Zastrow, weggefegt. Es folgten dann in den nächsten Tagen fast täglich, meistens in den späten Abendstunden oder in der Nacht, Bombardierungen mit schweren Bomben. Am 3. März erfolgte Beschießung der Stadt mit Artillerie. Mein 2. instand gesetztes Auto hatte ich einige Tage vorher einem Feldwebel für einen Tag geliehen, doch der ließ mir sagen, er käme wegen des Artilleriebeschusses nicht durch, es stünde am Ausgang der Stadt in der Jobststrasse. Der Beschuss war bis zum Abend und zeitweise so stark, dass man sich nicht aus dem Luftschutzkeller wagte.

Ich holte mir vom Posthof einen Handwagen und beschloss, meine Mutter mit dem notwendigen Gepäck aus der Stadt zu bringen, wollte in Richtung Massow oder Saarow, Stettiner Bucht. Als ich mich mit dem Handwagen, beladen mit meiner Mutter, am Morgen des 04.03.1945 durch den Schutt der Breitestraße ca. 100 m weg vom Keller bis an die Straßenecke Post - Geschäft durchgearbeitet hatte, kamen von 3 Seiten Russen an. Das Gefühl, nun ihnen ausgeliefert zu sein, kann ich nicht beschreiben. Die erste Frage war: "jaki zas?" d.h.: Wie spät ist es ? Als Zastrow, der mit uns war, das nicht verstand, sagte der Soldat: "Uhr". Sie wurde ihm gleich abgenommen. Ich hatte meine goldene Sprungdeckeluhr gleich von der Kette abgenommen und in der Hose versteckt. Als sie die Uhr von mir forderten, sagte ich auf Polnisch: "Der andere hat sie schon". Wir erklärten ihnen, dass wir hier in den Trümmern wohnen und sie schickten uns zurück. Vor dem Haus kamen noch 2 Russen von der Pyritzerstraße her. Sie schimpften, weil wir auf ihren Anruf nicht stehen geblieben waren. Wir hatten doch gar nicht geahnt, dass von allen Seiten Russen kamen. In der Nacht war kein Schuss gefallen und nun überall Russen!

Wir mussten unsere Koffer öffnen und sie nahmen sich, was ihnen gefiel, Taschenlampe, Schnaps, usw.. Wir brachten unsere Sachen wieder in den Keller. Der erste Tag verlief ruhig. Am 2. Tag kamen Russen und Zivilisten schon morgens und wir mussten mit ihnen, so, wie wir waren, noch in Nachtkleidung, in die obere Breitestraße zur Bäckerei Möricke gehen. Wir wurden gleich bewacht, dann zum Haus von Dr. Hannemann geführt und dort bis nachts 12.00 Uhr in den Keller gesperrt und dort registriert. Die Alten wurden entlassen, die Jungen dabehalten.

Als wir bei Möricke waren, brannte die gegenüberliegende Straßenhälfte. Als wir nachts um 1.00 Uhr dann durch die Breitestraße nach Hause gingen, hatte das Feuer sich schon bis zur Holzmarktstraße ausgebreitet. Im großen Geschäftshaus gegenüber der Post ( graues Schloss) brannte schon mein großer Ladenkeller, der unter meinem Geschäft war und in dem ich alle Wertsachen aufgehoben hatte, weil ich sie dort sicher glaubte. Es war für mich ein schwerer Schlag, das anzusehen, denn zu retten war nichts mehr. ( Jahrelang nachts in Alpträumen alles immer wieder vor Augen ).

Am nächsten Tag kamen zum ersten mal Russen in den Keller. Gesucht wurden meist Schnaps und Rauchwaren. Alles wurde durchwühlt. Koffer, die nicht gleich aufgingen, wurden aufgeschnitten, alles herausgerissen, zuletzt wurden die Koffer mit den Füßen breit gestampft. Wir versuchten, alles wieder in Ordnung zu bringen. Wir wurden alle in meinem Keller eingesperrt, die beide jungen Frauen herausgeholt und vergewaltigt. So vergingen etwa 2 Wochen, täglich kamen wohl 20 mal welche. Wir holten Kochwasser aus der Ihna und lebten nur im Keller.

Eine Wohnung im Hof konnte einigermaßen in Ordnung gebracht werden, unter uns war ein Glaser. Vier ältere Frauen zogen nach oben. Nach 14 Tagen, dem 2. Sonntag nach der Besatzung, kamen früh ein Offizier und 6 Mann zum Durchsuchen der Keller nach Radios. Es wurde wieder alles aufgerissen, nichts mehr gefunden. Der Offizier gab mir und Zastrow Kinnhaken und fluchte wütend über uns Germani. Wir wurden aufgefordert, mit nach oben zu kommen, wieder nur im Nachtzeug bekleidet. Meine Joppe konnte ich nicht mitnehmen, in ihr war Geld und meine Brieftasche mit Dokumenten. Auf der Straße standen 20 Mann mit Maschinenpistolen, wir wurden hinten heran befohlen, hinter uns zwei Soldaten. Dann ging es durch die Stadt. Es wurde halt gemacht, etliche Mann gingen weitere Häuser ausräumen, wir warteten bei den anderen. Diese gaben uns zu verstehen, dass wir erschossen werden, was meinen Kameraden Zastrow zur Verzweiflung brachte. Ich selbst war auf alles gefasst, war nach dem ersten Weltkrieg bei den Polen interniert und sollte dort auch erschossen werden, weil ich auf dem Gut Waffen versteckt hatte.

Nach 1 1/2  Stunden landeten wir auf dem Luisenplatz, lagerten wohl eine Stunde an der Ihnabrücke und eine Stunde am anderen Ende des Platzes. Mich sprach ein älterer gut aussehender Major an, fragte mich Verschiedenes, was ich ihm auf Polnisch beantworten konnte. Als unser Bewachungsoffizier zurückkam, sprach der Major mit ihm und einige Zeit danach ließ man uns frei. Auf dem Heimweg zwang uns ein Soldat, ein Motorrad zur Werkstatt am Jägerhof zu schieben. Wir fanden unterwegs eine Schrotsäge und einen Spaten, als wir nach Hause gingen und nahmen das mit, damit es so aussah, als kämen wir von einem Arbeitseinsatz. Unsere letzten Sachen im Keller waren inzwischen wieder durchwühlt worden und meine letzten Wertsachen aus der Joppe gestohlen.

Wir hatten noch Kartoffeln und Eier in einer dunklen Ecke versteckt. Als wir sie aßen, kamen wieder welche, wollten wissen, wo die Eier sind u. hielten uns dann vor, wir würden uns im Keller verstecken, weil die anderen oben waren. Wir mussten auch hoch, die anderen Soldaten wühlten wieder den Keller durch. Eine junge Frau hatte sich ein Kopftuch umgelegt, um älter auszusehen. Einer zog ihr das weg und sah ihr Gesicht. Nun waren wir 4 Männer im Wege. Wir wurden aufgefordert, zur Kommandantur mitzukommen. Weil ich keine Papiere mehr hatte, sollte ich neue Dokumente bekommen. Als wir über den Adolf Hitler Platz kamen, waren Russen dabei, ihre toten Kameraden dort zu begraben. Wir wurden angehalten, nach dem Wohin gefragt und zur Jobststraße, wo eine GPU Formation ihren Sitz hatte, gebracht, dort nach stundenlangem Warten vernommen, alles wurde uns abgenommen, man sperrte uns ein.

Ich hatte ja keine Dokumente und wurde als Kapitalist bezeichnet. Am anderen Morgen wurde der Älteste von uns, der Hausmeister vom Geschäftshaus Holzmarktstra├če 1, entlassen, am Nachmittag der Glaser Meyer und am nächsten Tag der Schlossermeister Zastrow. Sie kamen zum Arbeitseinsatz. Ich hatte den Wunsch geäußert, noch einmal vernommen zu werden, hoffte auf Entlassung. Erst am Nachmittag des 3. Tages verhörte mich ein Kommissar mit einem Dolmetscher. Da ich nicht zugeben konnte, von Hitler als Spion zurückgelassen worden zu sein, Brücken für ihn gesprengt zu haben usw., misshandelte man mich schwer, Schläge in den Magen und auf den Kopf. Am Mittwoch früh stand die Formation marschbereit. Ich wurde nochmals vom Kommissar vernommen und, weil ich angeblich nicht die Wahrheit sagen wollte, mitgenommen. Es ging per Wagen nach dem 25 km entfernten Dölitz. Dort angekommen, wurde ich erst von den beiden aus Stargard vernommen, dann von 2 anderen aus Dölitz, weil ich nicht zugeben wollte, dass ich von Hitler beauftragt war, nun auch noch Gehöfte anzuzünden usw. und dafür von allen geschlagen wurde. Nicht genug, als fünfter kam ein russischer Soldat, der gut Deutsch und Polnisch konnte, dazu, misshandelte mich auch und erzählte mir, er hätte den Auftrag mich zu erschießen, wenn ich nicht die Wahrheit sage. Er stellte mich in dem großen Zimmer an die Wand und zielte auf mich. Dann führte er mich in den Keller, forderte mich nochmals auf, die Wahrheit einzugestehen, sonst müsse er mich erschießen. Er stellte mich wieder an die Wand und zielte auf mich, fragte "mit oder ohne Hut?". Mir wurde das zu bunt und ich rief auf Polnisch: " Egal ‑ printko (schnell) ‑ schieß!“ Da rief er auf Polnisch: " Hundeblut hat keine Angst." Er sperrte mich in den Arrestraum zu 6 Polen und Deutschen in den Keller. Dort habe ich ohne Decken, nur auf wenig Stroh, völlig erschöpft liegend, sehr gefroren. Am anderen Morgen wurde ich entlassen. Ich sollte "nach Hause gehen".

 

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