Die Flucht von Familie Lentzkow

Ulrich Lentzkow,
Sanddornweg 19, 17454 Zinnowitz,
aus Stargarder Jahresblatt 2013

11.2.1945

Der Wehrmachtsbericht meldet: „Im Südteil von Pommern wurden von Panzern unterstützte Angriffe der Bolschewisten südlich Stargards aufgefangen. Beiderseits Deutsch-Krone und nordwestlich Schwetz konnten die Sowjets Einbrüche erzielen, während ihre Angriffe südwestlich von Graudenz scheiterten. Die Besatzungen von Schneidemühl und Posen verteidigten sich mit großer Tapferkeit gegen starke von Schlachtfliegern unterstützte feindliche Angriffe."

Lentzkow Bergstraße

Vormittags kommt Vater vom Wehrbezirkskommando per Rad nach Hause und gibt die Mitteilung, dass der Ortsbauernführer von Werder am Nachmittag den ersten Treck aus Stargard führt. Der Pole Josef Rafalek schmierte den Leiterwagen, warf Heu rauf und montierte eine Plane als Dach. Er nahm den größten Wagen, einen mit 4-Zöller Rädern. Wir waren angehalten in Säcke die Wäsche, Schuhe und Betten zu stecken. Alles wurde aufgeladen. Es wurde auch ein Fass mit Pökelfleisch, einige Mettwürste und Schinken mitgenommen. Am Nachmittag ging die Reise los. Inge (4 Jahre) und ich (13 Jahre) gingen neben dem Wagen her. Kurz vor unserer Abreise kam die benachrichtigte Tante Hedi Habeck mit einem überdimensionalen Koffer und stieg mit auf den Wagen. Gerade als wir losfahren wollten, erschien Frau Stade mit Kind, die auf dem Bahnhof vergeblich versucht hatte, mitgenommen zu werden. Also musste noch weiter zusammengerückt werden.

12.2.1945

Wehrmachtsbericht:„Im Südteil von Pommern und Westpreußen wurden  nordwestlich von Deutsch-Krone und an der Front zwischen Landeck und Graudenz Durchbruchsversuche starker sowjetischer Kräfte nach anfänglichen Geländegewinnen vereitelt. Die Verteidiger von Posen und Schneidemühl stehen in schweren Straßenkämpfen mit dem in das Innere der Festung eingebrochenen Gegner".

Lentzkow Bergstraße

Am Morgen gab der Ortsbauerführer Tantow die Parole heraus, dass es noch nicht weitergehe. Den Grund erfuhren wir Jungen, die auf allen Höfen herumschnüffelten. Es wurde bei den Schwiegereltern des Ortsbauernführer geschlachtet. Am Morgen gab Mutti diese Kunde telefonisch unserem Vater nach Stargard durch. Er versprach, am nächsten Abend per Fahrrad nachzukommen, wenn er die Erlaubnis seines Chefs sich eingeholt hat und einen entsprechenden Befehl in der Tasche hätte. Er war im Wehrbezirkskommando tätig.

13.2.1945

Wehrmachtsbericht: „Im Südteil von Pommern fühlten die Sowjets in Richtung Stargard vor, ohne Erfolg gegen unsere verstärkte und gefestigte Abwehrfront erzielen zu können. Zwischen Cammin und Graudenz brachte der anhaltende feindliche Druck nach Norden wieder heftige Kämpfe, besonders in dem unübersichtlichen Gelände der Tucheler Heide".

Am Abend kam unser Vater mit dem Fahrrad von Stargard und gab dem Treckleiter die Mitteilung, am nächsten Morgen alleine weiterzutrecken. Das Schlachtfest war bei dem Ortsbauernführer noch nicht beendet.

14.2.1945

„Im südlichen Pommern führten die Sowjets vergebliche Angriffe. Die zäh kämpfenden Verteidiger von Arnswalde, Schneidemühl und Posen hielten heftigen feindlichen Angriffen stand. Im Südteil von Westpreußen setzten die Bolschewisten nach Zuführung neuer Kräfte ihre Durchbruchsversuche in den Räumen Konitz und Tuchel fort. Schwere Kämpfe sind hier im Gange".

Lentzkow Bergstraße

Ganz früh starteten wir alleine bei sehr starkem Frost. Wir fuhren hinter Primhausen auf die Autobahn hinauf und reihten uns ein in die Schlange der Treckwagen aus Pommern und Ostpreußen. Die Glätte mahnte zur Vorsicht. Auf einem langen glatten Anstieg hatten viele Fuhrwerke das Rutschen bekommen und lagen seitwärts im Graben. Alle rieten uns ab, das Unternehmen zu wagen, aber Vater vertraute seinen beiden Pferden, wir alle mussten schieben, so ging es den langen Berg hoch. Als wir es geschafft hatten, waren nicht nur wir Menschen froh, wohl auch die Pferde. Wir bekommen mitunter feindliche Tiefflieger zu sehen. Einige feuerten auch aus ihren Bordkanonen. In einem Bettensack hatte sich ein Geschoss verfangen, ohne größeren Schaden anzurichten. Wir überquerten die Oder und verließen westlich des Flusses die Autobahn und fuhren verstopfte Chausseen entlang gen Ueckermünde, wo Onkel Rudolf wohnte. Die Orte, die wir durchfuhren, waren so übervoll, dass wir stets weiterfahren mussten. In Boock machten wir am späten Abend Halt. Der Bürgermeister kümmerte sich um unsere Unterbringung wegen des Säuglings, denn Rosemarie hatte diese Gewalttour nicht überstanden. Es war eben zu kalt. Wir Jungen hatten uns viele Sachen übereinander angezogen, weil wir ständig in Bewegung waren, machte uns die Kälte nicht viel. Wir hatten ein gute Unterkunft in Boock bekommen.

15.2.1945

Wehrmachtsbericht: „Im Südteil Pommerns behaupteten sich im Vorfeld unserer Front die Stützpunkte Arnswalde und Märkisch-Friedland gegen heftige bolschewistische Angriffe. Im Stadtgebiet von Posen toben schwere Häuserkämpfe."

Da das Kleinkind kränkelte wurde hier von der Gemeindeschwester Martha Ritter eine Notaufnahme durchgeführt. So wurde hier pausiert. Der Arzt im benachbarten Ort wurde aufgesucht, er macht uns wenig Hoffnung.

16.2.1945

„Im Südteil von Pommern wurde die vorübergehend verlorengegangene Verbindung zu unseren Stützpunkten Bahn und Arnswalde wieder hergestellt."

Wir machten uns wieder auf die Tour und fuhren über Gegensee, Hintersee, Eggesin nach Ueckermünde, das wir am späten Nachmittag erreichten. Unser Onkel quartierte uns in Hoppenwalde, 4km von Ueckermünde entfernt, ein. Hier war kurz vorher ein alter Herr verstorben, dessen kleine Wohnung konnten wir nun bewohnen, eine Küche, eine Stube und eine Bodenkammer, auf der mein Bruder und ich schlafen mussten, direkt unter den Dachziegeln. Sehr kalt. Wir hatten diesen Teil der Flucht gut überstanden, nur die kleine Rosemarie musste nach Ueckermünde ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie einige Tage später verstarb. Sie ist eben zu einer sehr schlechten Zeit geboren worden. Vater meinte, dass die Kleine den Stuck mit dem Wagen nicht verkraftet hatte, als der Wagen fast bis an die Achsen weggesackt war. Wir suchten Steine und anderes festes Material, um etwas vor das Rad zu schieben, damit es langsam wieder auf das Niveau der Autobahn ging. Viele Pferde hätten dies Gewalttour nicht geschafft, aber unsere beiden Füchse waren starke zuverlässige Tiere. 

18.2.1945

Wehrmachtsbericht: „In Südpommern wurden im Angriff feindliche Stellungen durchstoßen und Gefangene eingebracht. In der Tucheler Heide und westlich Graudenz leisteten unsere Truppen den mit verstärkten Kräften eingesetzten feindlichen Durchbruchversuchen erbitterten Widerstand."

Vater musste nach Stargard zurück, denn er musste sich wieder beim Wehrbezirkskommando melden.

19.2.1945

„In Pommern, nördlich der Linie Königsberg-Neumark / Deutsch-Krone, traten auf beiden Seiten neue Kräfte in die Schlacht, die dadurch an Heftigkeit zunahm. 49 feindliche Panzer wurden abgeschossen."

21.2.1945

„Zwischen Pyritz und Arnswalde scheiterten von Panzern unterstützte Einzelangriffe der Bolschewisten."

Unser Pole Josef fährt ganz früh mit unserer Mutter los in Richtung Stargard, denn es fehlte vor allem an Pferdefutter. Er gelangte am nächsten Tag auf unseren Bauernhof in der Bergstraße 13, die Pferde wieherten freudig wieder in ihrem Stall zu sein. Es wurde fleißig gehäckselt, Hafer aufgeladen und ein Sack Erbsen. Eine Frau Syring, die später in Anklam wohnte, warf noch zwei Säcke Wäsche auf den Wagen. Der Pole erreichte uns mit der vollen Fuhre wohlbehalten Hoppenwalde am späten Abend des 24.2.1945.

4.3.1945

„Stargard wird von feindlichen Truppen von allen Seiten angegriffen und kann nicht mehr gehalten werden. Die Truppen zogen sich zurück."

Vater, der bis dahin die Kühe aus den verlassenen Stallungen zusammentreiben musste, sie auf den Sportplatz schaffte, musste jetzt mit dem Rad über die noch offen gebliebene Stelle am Kleinbahnhof die Stadt verlassen. Asta, unsere schwarze Hündin, begleitete ihn, denn die hingeworfene Wurst hatte sie verschmäht. Er erreichte seine Familie nach oftmaliger Beschießung durch Flugzeuge am 5.3.1945.

25.4.1945

„Stettin geht nach langen Kämpfen verloren. Die Russen überrannten die Stellungen der deutschen Truppe."

 

27.4.1945

Der katholische Priester rief alle Leute von Hoppenwalde auf, den Ort zu verlassen. Alle packten das Notwendigste auf Pferdewagen, Handwagen oder Karren und fuhren etwa 4km tief in den Wald. Dort wurde ein Lager aufgeschlagen. Der erste Russe war ein Betrunkener, der mit einer Pistole bewaffnet, Uhren von allen einsammelte, auch vom Priester. Am übernächsten Tag fuhren wir wieder nach Hoppenwalde zurück, die Häuser waren aufgebrochen und es war reichlich geplündert worden.

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