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Ernst Ganzke (10.4.1922 - 9.3.2012)

Ernst Ganzke

Ernst Ganzke fühlte sich zeitlebens eng mit seiner pommerschen Heimat verbunden. Er hatte das Glück, noch sehr lange zusammen mit seiner Frau Sigrid Pommern, seine Geburtsstadt Stargard und ihre Geburtsstadt Kolberg besuchen zu können. Seine Erinnerungen an Stargard hat er auf mehr als 100 Seiten mit Schreibmaschine niedergeschrieben und an viele seiner Heimatfreunde verteilt. Die nachfolgende Erzählung ist dieser Sammlung entnommen. Er hat auch eine Geschichte über Pommern in derselben Form verfasst. In der Vergangenheit schrieb er zahlreiche Artikel für die Pommersche Zeitung, auch für das Stargarder Jahresblatt und zuletzt noch zwei grundlegende Artikel über den Madüsee und die Ihna für unsere Homepage. Auf vielen Pommerntagen, Stargarder und Kolberger Treffen waren beide anwesend. Obwohl ich mit ihm verwandt bin, haben wir uns erst vor neun Jahren kennengelernt, aber in dieser Zeit noch eine enge Verbindung aufgebaut. Sein oft wiederholter Ausspruch lautete: „Oh doch – ich erinnere mich gern!“

Dietrich Otto


Mein letztes Schuljahr in der Knaben Jobstschule in Stargard

Die Kinderjahre fanden ihr Ende. Nur kurze Erinnerungen an das letzte Schuljahr sollen doch noch einmal erwähnt werden. Es begann damit, dass unser Klassenlehrer unser Herr Rektor Sudheimer persönlich war. Die 1. Klasse war gleichzeitig die Rektorklasse. Ein sehr honoriger Herr, dessen Erscheinung sofort Respekt einflößte. Ich sehe ihn heute noch vor seinem Rektorzimmer stehen und die Parade der ihm anvertrauten Knaben abnehmen. Wenn wir von oben die Treppe herunterkamen, mussten wir natürlich einen tiefen "Diener" vor unserem Herrn Rektor machen. Und wehe, er war nicht tief genug! Man durfte dann die Treppe nochmals hinauf gehen und wieder herunter kommen, bis er zufrieden war. Später, als dann der Hitlergruß gang und gäbe war, da kam er nicht mehr heraus. Dieser Gruß war nun mal nicht der seine. Wie ich erfahren habe, soll er sogar später durch Herrn Konrektor Franz abgelöst worden sein. Und das kurz vor seiner Pensionierung und nur weil er Mitglied der Freimaurerloge war. Ein makelloser, unbestechlicher Mann, der niemand und niemals irgendetwas Ehrenrühriges getan hätte. Seine sonore Stimme, sowie sein gesamtes Erscheinungsbild zeigten einen Mann, für den Verantwortung und Disziplin keine Fremdwörter waren, sie standen bei ihm auf der Tagesordnung. Respektvoll und voller Hochachtung schätzte ihn nicht nur das Kollegium. Auch die ihm anvertrauten Schüler wussten, was sie an ihm hatten. Für ihn gab es keinen Stock. Er konnte sich auch so durchsetzen. Seine tadelnden Worte genügten uns. Ich erinnere mich gern an ihn.

Wenn es natürlich zum Schulausflug ging, dann war er nicht mehr dabei. Er ließ uns dann mit unserem ehemaligen Klassenlehrer, Herrn Schreiter, den Ausflug machen. Das war für uns natürlich Spitze. Er war damals jung und sportlich und verstand es wunderbar mit uns den Tag zu gestalten. Meistens machten wir Geländespiele. Denn Herr Schreiter zog es vor Wanderungen in die Natur zu machen. In der waldigen Gegend zwischen Saarow und Bruchhausen oder um Buchholz und Mulkenthin, am Patschsee oder bei Pansin etc., dorthin marschierten wir und hatten die beste Stimmung unterwegs. Er selbst machte alles mit und fühlte sich recht wohl dabei. Wenn wir an unserem Marschziel angelangt waren, wurde zunächst einmal eine Pause eingelegt, doch danach ging es so richtig los. Erst mal ein bisschen Bockspringen und sonstige Spielchen zur Auflockerung und danach gab es meistens Geländespiele. Er teilte uns in zwei Gruppen, in der einen Gruppe war er dann selbst mit dabei. Ich war meistens in der anderen. Es war doch irgendwie eine besondere Bestätigung darin gegen den Lehrer zu kämpfen. In Wirklichkeit war es doch nur eine Gaudi, wenn wir ihn gefangen nehmen konnten. Der eigentliche Zweck der Sache war doch, dass wir alle unseren Spaß hatten und uns richtig ausgetobt hatten. Und das war jedes mal der Fall. Unseren Dank Herrn Schreiter, der allen Spaß mitmachte und selbst seine Freude am Spiel hatte. Ich selbst bin heute noch gern im Wald und erinnere mich ebenso gern bei meinen Waldspaziergängen der damaligen Zeit.

Knaben Jobstschule

Knaben Jobstschule

Ein weiterer Lehrer, der mich enorm begeistern konnte und all meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war unser Rechengenie, der Herr Franz. Was ich im letzten Schuljahr bei ihm in Rechnen und Raumlehre gelernt habe, das war die Basis für mein ganzes späteres Leben. Quadratwurzeln- und Kubikwurzeln ziehen, waren nur einige seiner Spezialitäten. Noch lange habe ich diese Rechnungsweisen nach der Schule beherrscht. Später durfte ich dann mit dem Rechenschieber und noch später mit dem Elektronenrechner derartige Aufgaben lösen. Und heute habe ich das Wurzelziehen total vergessen. Aber dafür kann Herr Franz nicht. Er hat sich mit uns die größte Mühe gemacht. In meinem Beruf, in der Wasserversorgung, in der Be- und Entwässerung waren derartige Berechnungen an der Tagesordnung. Am besten gefiel mir seine Methode mit der er uns alles beigebracht hatte. Er war auf seine Art äußerst humorvoll. Trotzdem entwichen ihm Worte wie: „Ihr Krüppel, ihr Zigeuner!", die aus seinem Munde spaßig klangen und auch ganz sicher so gemeint waren. Aber diese Worte haben ihm den Spitznamen "Krüppel Franz" zugeführt. Den wurde er auch nicht mehr los. Er wurde von Jahrgang zu Jahrgang übertragen. Aber nun zurück zu seiner Lehrmethode. Er nahm die besonderen Rechnungsarten in einer Stunde durch und stellte hierbei genau fest, wer alles begriffen hat und wer nicht. In der nächsten Stunde wurde alles nochmals wiederholt. Hierbei durften diejenigen, die es bereits begriffen hatten, in den Schulgarten zu Herrn Peters und mit ihm im Garten arbeiten. In der nächsten Rechenstunde allerdings waren wieder alle dabei, denn dann schrieben wir eine Rechenarbeit. Er hatte seine Erfahrung und kannte seine guten Rechner genau. Sobald einer mit der Arbeit fertig war, durfte er in den Schulgarten. Nebenbei bemerkt, war er um den Schulgarten sehr bemüht. Er war auch oft am Nachmittag dort zu finden. Auch mein Hobby war der Schulgarten, ich war sehr oft im letzten Schuljahr dort und half unserem Hausmeister, dem Herrn Peters. So manchen Nachmittag habe ich dort verbracht. Es gab dort immer etwas Besonderes zu tun. Da waren die frischen Pflanzen im Treibhaus, die zu begießen waren, das Unkraut zu entfernen und außerdem hatte Herr Peters noch Kaninchen in seinen Ställen. Diese müssen auch gefüttert werden. Gern nahm ich ihm von seiner Arbeit etwas ab.

Knaben Jobstschule Turnhalle

Turnhalle der Knaben Jobstschule

Dann waren die Schulbeete einzuteilen. Das machten wir beide ebenfalls. Jeder Schüler ab 4. Klasse konnte so ein Schulbeet nehmen. Das musste er bzw. seine Eltern bepflanzen. Pflanzen konnte man sogar bei Herrn Peters kaufen. Er züchtete diese im Treibhaus. Ich weiß noch, ich hatte einmal ein Beet voll mit Kohlrabi. War das herrlich, 120 Pflanzen hatte ich darauf. Natürlich habe ich die nicht zu bezahlen brauchen. Ich hatte sie mir ja bereits vorgezüchtet. In jeder Pause ging ich an mein Beet und holte mir einen oder auch zwei. Es waren ja genügend da und ich aß sie auch sehr gern. Herr Peters und ich; wir beide waren überhaupt ein gutes Gespann. Wir machten im Garten vieles gemeinsam. Außerdem hatten wir beide die Ehre bei Ferienbeginn und Ferienende die beiden Flaggen zu hissen, während Kurt Jordan die ganze Schule still stehen ließ. Der Kurt war doch Zugführer im Jungvolk. Der Herr Rektor schickte uns dann mit den besten Wünschen in die wohlverdienten Ferien.

In den letzten Ferien, d. h. Sommerferien, bin ich viel nach Seefeld gegangen. Der Weg an der Bahn entlang war immer so schön zu gehen. Zeigte er doch eine echte pommersche Landschaft, wie sie früher in ganz Pommern zu finden war. Links des Feldweges riesige Kornfelder, rechts vom Weg war der Schienenstrang der Reichsbahn von Stargard nach Stettin. Etwa auf zweidrittel des Weges befand sich ein Schrankenwärterhaus. Hierin wohnten der Schrankenwärter und seine Familie. Dazu gehörte ein Garten, in dem eine Wasserpumpe stand. Hier musste ich jedes mal meinen Weg unterbrechen und das frische Brunnenwasser probieren. Es schmeckte aber auch köstlich. Natürlich galt mein Weg dorthin nicht nur allein dem Tanger. Dort war auch ein Kindererholungsheim und darin war zufälligerweise auch ein mir bekanntes Mädchen, das ich damals auf meine Weise verehrte. Sie war in meinem Alter, wir hatten damals auch gemeinsame Interessen. Und so trafen wir uns an dem einen Ende des Zaunes, um ein bisschen zu plaudern und uns dabei in die Augen zu schauen. Kann man das als die erste Liebe bezeichnen? Ich kann das heute nicht beurteilen, auf jeden Fall mochten wir uns damals sehr. Zur Erinnerung an die schöne Zeit schenkte mir Ilseken ein schönes Foto. Ich habe es heute noch. Es bringt mir manchmal die damalige Zeit zurück. Da die Kinder ihre Mittagsruhe einhalten mussten und ich meistens schon früher am Platz war, las ich, im Tanger liegend, meistens in einem kleinen Roman, den ich mir mitgenommen hatte. Auch nahm ich des Öfteren meinen Klassenkameraden Werner Mörke mit dorthin. Mit ihm ging ich auch des Öfteren zum Nordpark. Auch er war ein bisschen romantisch veranlagt und las auch lieber, als dass er auf dem Spielplatz spielte.

So gingen die letzten großen Ferien dahin, die Schule hatte uns wieder. Der Tag der Schulentlassung rückte näher. Wie mag wohl das letzte Zeugnis, das sogenannte Entlassungszeugnis ausschauen? Nun, es wurde recht gut. Ich wusste es schon ein paar Tage vorher. Herr Peters konnte es nicht für sich behalten. Er verriet mir, dass ich ein Buch als Prämie für besonderen Fleiß erhalten werde. Und so war es dann auch. Ich gehörte zu den acht Schülern, die mit einem Preis versehen wurden. „SA -Mann Schott" hieß das Buch. Ich hatte mich über das Buch als Prämie riesig gefreut, jedoch als Lektüre kam es für mich nicht in Frage. So lag es dann zu Hause herum, wurde niemals gelesen und zum Schluss noch ein Raub der Flammen nach der Zerstörung unseres Hauses, nach einem erschütternden Bombardement.

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