Stargard bis zum ersten Weltkrieg

Joachim Stampa
aus Stargard in Pommern "Schicksale einer deutschen Stadt" 1978

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Auf die Zeit der Vernachlässigung und das Regiment der Spitzhacke folgte eine Periode eindringlicher Bemühungen, das von den Vorvätern Überkommene zu hüten und zu pflegen. Zwar war dies Denken noch nicht Allgemeingut geworden, aber die verantwortliche Stadtführung und die vorgesetzten Landesbehörden waren mit allem Eifer dabei. Die Gärung der Gründerjahre beruhigte sich allmählich und zeitigte neue Taten, die noch vor wenigen Jahrzehnten unmöglich gewesen wären.

Landratsamt

Landratsamt 2015, gebaut etwa 1903, jetzt Rathaus - Foto Halina Sobczak

Das neue Jahrhundert brachte Stargard in seinem ersten Jahr eine Neuordnung der Stadtverfassung. Die Bevölkerung war seit 1800 von siebentausend auf fünfundzwanzigtausend angewachsen. Nun schied Stargard aus dem Landkreis Saatzig aus und wurde Stadtkreis. Während für den Kreisausschuss und die Kreisämter ein neues Gebäude, das Landratsamt in der Jobststraße (der späteren Hindenburgstraße) errichtet werden musste, wurde die Verwaltung der Stadt neu gegliedert, da einige Staatsbefugnisse auf den Magistrat übergegangen waren und in den Rahmen der neuen Stadtbehörde eingeplant werden mussten.Vom 1.April 1901 an war die vorgesetzte Dienststelle für den Oberbürgermeister von Stargard nicht mehr der Landrat des Kreises Saatzig, sondern der Regierungspräsident in Stettin.

Rats- und L�venapotheke

Poststr. 1 - Rats-und Löwenapotheke
Zeichnung Jürgen Willbarth

Oberbürgermeister Schröder war der erste Oberbürgermeister der kreisfreien Stadt. In seiner Amtszeit wurden maßgebende Schritte zur kulturellen Festigung und zur Verwirklichung der neuen Erkenntnisse getan. Er sorgte für Schulen im großen Stil, auch für Volksschulen. In seiner Dienstzeit wurden die Voraussetzungen für den Bau der Königin-Luise-Schule geschaffen, und schließlich wurde mit Hilfe städtischer Mittel die Marienkirche einer gründlichen Renovierung unterzogen.

Die Absichten des Provinzialkonservators, die sich bei dem Versuch, das Pyritzer Tor abzubrechen, durchgesetzt hatten, kamen jetzt auch ohne behördlichen Zwang in die Köpfe der städtischen Körperschaften. Das beweist der Erlass eines Ortsstatuts gegen die Verunstaltung des Stadtbildes. Die ganze Stadt, vornehmlich aber besondere Stellen, etwa der Markt oder der Blücherplatz, genossen jetzt den besonderen Schutz der Behörde, die jede Veränderung an den angrenzenden Häusern verhindern konnte, wenn sie dem Bild des Platzes oder der Straße abträglich gewesen wäre. Neubau, Abbruch, Umbau, Anstrich und Bedachung, sogar das Anbringen von Reklame waren jetzt genehmigungspflichtig.

Zu gleicher Zeit wurde eine Reihe wertvoller öffentlicher und privater Bauwerke im Stadtgebiet unter Denkmalsschutz gestellt. Dazu gehörten:

Alle diese Gebäude mussten in dem gegenwärtigen Zustand erhalten werden. Jede noch so kleine eigenmächtige Veränderung war untersagt und strafbar. Für die öffentlichen Gebäude aus dieser Liste war die Stadtverwaltung selbst ebenfalls an das Ortsstatut gebunden.

Damit nicht genug, erwachte mit dem Heimatschutzgedanken auch der Naturschutz. Mehrere Gewächse auf Stargarder Boden wurden von nun an behördlich überwacht und betreut:

Wirklich war eine neue Zeit angebrochen, eine Zeit des guten Willens und des verantwortungsbewussten Bemühens. Aus ihrem Geist wuchs auch die Renovierung der Marienkirche. Bevor ein Bauvorhaben dieses Ausmaßes verwirklicht werden kann, bedarf es gründlicher Planung. Auf der Suche nach einem tüchtigen Architekten fand die Kirchenbehörde den Baumeister Deneke, der mehrere Jahre lang bei den Arbeiten des Kaisers an der Marienburg Erfahrungen gesammelt und sich ganz besonders eingehend mit der Formensprache der Backsteingotik befasst hatte. Deneke hatte sich nichtsahnend bereits vom Zustand der Stargarder Marienkirche privatim ein genaues Bild gemacht, sogar schon die Kosten für eine Wiederherstellung grob überschlagen. Das war der richtige Mann.

Markt mit Marienkirche

Markt mit Rathaus und Marienkirche

Sozusagen als Gesellenstück erneuerte Deneke 1901 das arg vernachlässigte Portal im Südturm, das zur Königstraße hin sich öffnete. Hier waren vor hundert Jahren unter Jüterbock gründlich alle Schmuckformen entfernt worden, und nur noch die Rahmen des Kaffgesimses und drei Kreisformen waren stehengeblieben. Sicher war Deneke ganz froh, dass er reinen Tisch vorfand und nun gleich alles erneuern konnte. Die Art und Weise, wie Deneke dieses Portal fertigstellte, wies ihn als ganz besonderen Könner aus. Mit verhältnis wenigen Einzelformen stellte er diese Tür von vornherein als ein besonderes Schmuckstück der ganzen Kirche her.

1904 legte Deneke einen Kostenanschlag über 221.600 Mark vor. Der wurde gebilligt und Deneke mit der verantwortlichen Leitung der Arbeiten beauftragt. 1905 wurde angefangen. In manchen Fällen kam die Reparatur einem Neubau gleich, derartig heruntergekommen war die schöne Kirche. In gewissenhafter sechsjähriger Arbeit leistete der Bauführer Hervorragendes. Zwar konnte wegen Geldmangels nicht der originale Zustand von 1388 hergestellt werden, aber doch wurde die Kirche in einen sauberen und künstlerisch wie baugeschichtlich sehr erfreulichen Zustand gebracht. Die alte Pracht der Innenausstattung und das Kupferdach wurden von vornherein außer Betracht gelassen. Aber was baulich zu erreichen war, wurde getan. Damals wurde auch wieder der Wunsch geäußert, die beiden Türme zu vollenden, um der Marienkirche in dieser doch reichen Zeit die letzte Vervollkommnung zu geben. So war es mit dem Kölner Dom, mit dem Ulmer Münster und mit vielen anderen berühmten Kirchen gemacht worden, warum also nicht auch hier in Stargard? Ganz abgesehen von den hierzu benötigten gewaltigen Geldmitteln war der Plan undurchführbar, weil sich besonders am Südturm so weite Risse im Mauerwerk zeigten, dass daraus auf einen Mangel im Fundament geschlossen werden musste. Offenbar waren damals die Bauleute nicht tief genug in die Erde gegangen, oder sie hatten den Druck unterschätzt, jedenfalls ging es nicht. Die Türme mussten unvollständig stehen bleiben, sollten aber in Ordnung gebracht und auch der Südturm möglichst gefällig abgedeckt werden.

Pyritzerstr.43

Pyritzerstr.43 - Zeichnung Jürgen Willbarth

Denekes Arbeit ging weit über das Arbeitsmaß eines Bauleiters hinaus. Er entwarf beispielsweise den neuen Zierat der Strebepfeiler und der Marienkapelle und zeichnete die Formen für die zu bestellenden Maßwerksteine und Profile vor. Die Ziegelei Matthes & Sohn aus Rathenow lieferte zu der Reparatur 650 verschiedene Sorten Formsteine. Eine Überraschung erlebte man, als innen der Putz von Wänden und Pfeilern abgeklopft wurde, denn darunter kam nicht, wie Deneke vermutet hatte, roter Backstein zutage, sondern ein weißer, rot gequaderter Anstrich sowie an zahlreichen Stellen Reste von Wandmalereien.

Die Arbeiten begannen im Herbst 1905 und waren erst 1911 beendet. Unter dem Putz versteckt waren aber auch Bausünden aus Jüterbocks Zeiten: Risse und Löcher überall, Verstümmelungen und zugeputzte Profilbänder. Recht oft wird er wohl über so viel Unverstand den Kopf geschüttelt haben. Aber er erkannte auch das Einmalige seines Auftrags und, dabei nicht eigene Wünsche und Künsteleien zu verwirklichen, sondern den Willen und die Absichten des Erbauers dieser Mauern abzulesen und zu erfüllen. Der minderwertig angefertigte Schinkel-Altar und die dazugehörige Kanzel waren vom Wurm befallen und wurden zunächst in eine Seitenkapelle gestellt und dafür der „kleine Altar" des Gewandschneiders Püttmann aus der Ecke geholt. Der Altar am Ostende des Mittelschiffs ist aus Steinen aufgemauert. Hier wurde der Barockaltar aufgestellt. Der 1824 zerstörte fünfstöckige Hochaltar von 1713 ist sicher schöner gewesen, aber das Verlorene ist nicht wieder zu ersetzen. Eine neue Kanzel stiftete Stadtrat Schönberg, dessen Baugeschäft die gesamten Maurerarbeiten ausgeführt und auch das Gerüst geliefert hatte. Er brauchte sich also für die Kanzel nicht besonders finanziell anzustrengen. Immerhin steht sie im Gegensatz zu dem entfernten Hochaltar auch noch bei den Polen. Diese Schönbergsche Kanzel passte gut zu den Formen des neuen Hochaltars.

Zugleich mit diesen Ausstattungsarbeiten wurde auch der wertvolle gotische Schrank in Ordnung gebracht und hinter dem Hochaltar aufgestellt. Einige Kassettenfüllungen waren zu ergänzen und auch das Rankenwerk des Randes wieder heilzumachen. Auch hier ordnete sich der Bildhauer dem Vorhandenen unter und setzte in die leeren Felder Wiederholungen der erhaltenen Füllungen. Ursprünglich waren sicherlich alle Felder verschieden gewesen.

Die Chorfenster wurden farbig verglast und zeigten Darstellungen aus der lutherischen Kirchengeschichte. In der südlichen Kapellenreihe standen einige wenige farblich besonders gelungene Glasfenster mit dem Leben Jesu. Es liegt auf der Hand, dass diese Glasgemälde nicht den Stil ihrer Zeit verleugnen konnten. Zwei stiftete der Kaiser. Darauf war das Abendmahl dargestellt. Sie waren als einzige bis in die Spitze farbig ausgeführt.

Jetzt war die Kirche äußerlich und innerlich wieder in einem ordentlichen und sehenswerten Zustand. Nun strahlte der Bau wieder die alte Sauberkeit und handwerkliche Ehrlichkeit aus, die ihm vor hundert Jahren genommen worden war. Trotzdem ist es schmerzlich zu wissen, dass die besonderen Schmuckstücke der Kirche nicht hatten wiederhergestellt werden können, nämlich die Galerie außen über dem Chor mit ihren Fialen und Wimpergen und den Statuetten in den Pfeilerblenden und daneben das Obergeschoss der Marienkapelle am Fleischmarkt mit seinem so reichen Maßwerk-Schmuck. Schön war die große Marienkirche wieder geworden! Bei weitem die größte in Pommern, in der Reihenfolge deutscher Gotteshäuser an neunter Stelle, in Norddeutschland nur übertroffen von den beiden Schwester-Marienkirchen in Danzig und in Lübeck.

Hier sollen auch die Maße der Kirche angeführt werden:

Breite der Turmfront 39 m
Gesamtlänge der Mittelachse 88 m
Bebaute Grundfläche 3333 qm
Umbauter Raum 112.534 cbm
Höhe des Nordturms 83,5 m
Lichte Höhe des Mittelschiffs 33,3 m
Breite des Mittelschiffs zwischen den Pfeilern 11 m
Höhe der Seitenschiffe 23 m
Breite der Seitenschiffe zwischen den Pfeilern 6 m

 

Wer dafür eine Ader hat, mag aus diesen nüchternen Zahlen allerlei Zahlenmystik herauslesen. Die Drei kommt noch öfter an dem Bau vor. z.B. in den Kreisblenden an den drei Turmseiten, den drei Tümen auf dem alten Ostgiebel. Ebenso stark ist die Bindung an die 3 bei der Johanniskirche  zu erkennen.

Am 30. August 1911 wurde die Kirche in Anwesenheit des Kaiserpaares, des Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise eingeweiht. Bei dieser Gelegenheit hatte auf dem Marktplatz auch eine Gruppe Frauen aus dem Pyritzer Weizacker Aufstellung genommen. Kaiser und Kaiserin freuten sich über diese Frauen besonders, und es werden über diese Begegnung manch drollige Einzelheiten erzählt.

Seit 1907 hatte Stargard ein neues Oberhaupt bekommen, Albert Kolbe, der bis 1936 Oberbürgermeister der Stadt gewesen ist. Zu den vielen Denkwürdigkeiten seines an Ereignissen wahrlich nicht armen Lebens gehörte auch dieser Kaiserbesuch. Den Einweihungsgottesdienst hielt Superintendent Brück. Im Anschluss daran besichtigten die hohen Gäste das Gotteshaus eingehend innen und außen und äußerten sich sehr befriedigt über die geleistete Arbeit. Die Kaiserin stiftete für den Hochaltar eine mit Silber beschlagene, kostbare Bibel.

Erlöserkirche

Erlöserkirche Westgiebel nach Stampa

Bei den umfangreichen Bauarbeiten an St. Marien waren noch genügend Steine übrig geblieben, dass in der Jobststraße eine kleine Tochterkirche für die Johannisgemeinde gebaut werden konnte, die Erlöserkirche. Sie erhielt - wie sollte es anders sein - die äußere Gestalt und auch den Schmuckgiebel der ersten Marienkirche von 1292, nur kleiner, und ein Tonnengewölbe. Vor den Giebel wurde ein niedriger Glockenstuhl gemauert und hier die beiden noch vorhandenen und gut erhaltenen Glocken der Jakobs- und der Gertrudenkapelle aufgehängt. Die beiden Glocken passten recht gut im Ton zusammen und haben dort zum Gottesdienst gerufen, bis sie im Zweiten Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben wurden. Das Kirchlein war anheimelnd und stilvoll und enthielt eine kleine, aber klangvolle Orgel.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden in der Königstraße und der Straße An der Marienkirche die Häuserreihen abgerissen, die den freien Blick auf die Marienkirche versperrten. Infolge des Krieges lag der freie Platz, der vor Zeiten einmal zum Marien-Kirchhof gehört hatte, jahrelang wüst mit offenen Kellern und angeschnittenen Grüften da, so dass die Kinder mit Totenschädeln spielten. Erst recht spät, noch nach der Inflationszeit, wurde er eingeebnet, und die Stadtgärtnerei nahm ihn in Pflege. Anstelle dieser verschwundenen Wohnungen waren inzwischen für die alten Leute an der unteren Friedrichstraße drei neue Hospitäler gebaut worden aus Mitteln alter und neuer Stiftungen. In Stargard wurden bis zuletzt recht viele Hospitäler, auch eines für jüdische Arme, aus Stiftungsmitteln unterhalten, große und auch kleine Häuser. Die Insassen mussten sich in der Regel einkaufen und erhielten dafür eine monatliche Rente, welche „Pröbe" oder „Böhlengeld" genannt wurde. Die Bewohner selbst nannten sich „Böhlen".

Prunkwappen von Stargard

Prunkwappen von Stargard - Zeichnung Jürgen Willbarth

Zu dieser Zeit kam auch die Frage des Stadtwappens bei den städtischen Körperschaften ins Gespräch. Das alte Siegel aus der Hansezeit war schon seit vielen Generationen nicht mehr bekannt. In Stargard hatte sich kein einziger Abdruck erhalten, da alles 1635 verbrannt war. Im neunzehnten Jahrhundert waren mehrere verschiedene Wappenzeichnungsn entworfen worden und wurden auch benutzt, aber sämtlich ohne historisches Fundament oder heraldische Konzeption, daher mehr oder weniger wertlos. Jetzt wurde Professor Hildebrand, ein namhafter Berliner Heraldiker, beauftragt, für Stargard ein neues Stadtwappen zu zeichnen.

Natürlich konnte es durchaus nicht dem historischen Siegel entsprechen und kam vor allem dem Prachtbedürfnis jener Jahre entgegen. Zwei aneinander geleimte Schilde, deren linker silbern mit rotem Querbalken und deren rechter durch einen roten, linksgerichteten Greifen in blauem Felde bestimmt ist, werden von einem Spangenhelm mit blau-weißen und rot-weißen Helmdecken umschlossen. Die Helmzier bildet das Mühlentor.

Das farbenfrohe Wappen erfreute sich allgemeiner Beliebtheit, und doch nimmt es wunder, dass nicht dafür gesorgt wurde, dass es sich auch durchsetzte. Selbst an der Fassade des Rathauses blieb das alte, falsche Wappen mit dem blauen Schrägbalken noch mehrere Jahrzehnte bestehen und gab immer wieder Anlass zu Irrtümern und Streit. In den dreißiger Jahren erst wurde im Verlauf einer Gesamt‑Renovierung des Rathauses das richtige Wappen durch den Stargarder Malermeister Bernhard Theo Dietrich in Fresko-Technik angebracht. Als im Herbst 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, hatte Stargard achtundzwanzigtausend Einwohner.

 

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