Geschichte Stargards

Joachim Stampa
Aus: Zeitschrift "Pommern", Heft 2/1971, S. 2126

Stargard liegt an der Ihna, und dieses Flüsschen hat ober- und unterhalb Stargards so weite moorige Gebiete zu entwässern, dass sich nur hier, wo eine flache Hügelkuppe eine Insel bildet, ein Übergang anbietet, der den Durchzug nach Hinterpommern ermöglicht. Die Hauptstraße jener Frühzeit kam von Südwesten über Soldin und Pyritz heran, spaltete sich bei Stargard und führte einmal die Ihna abwärts nach Gollnow und Cammin und dazu mit ihrem Hauptarm über die kleine Ihnainsel ins Gebiet von Köslin, Stolp und Danzig. Damals war das Oderbruch unwegsam und weitläufig unpassierbar, die Wälder von der Buchheide über Gollnow bis Naugard so voller Gefahren, dass dort von einer Verkehrsader nicht gesprochen werden kann.

Wahrscheinlich ist dieser Platz längst vor dem Wendeneinzug von germanischen Völkern besetzt gewesen. Die ältesten mir bekannten Siedlungsreste sind am Südrand des Kalkenberges, in der Nähe unserer Klappholzgasse, und am Wittichower Weg am Osthang des dort gelegenen Galgenberges gefunden worden. Sie deuten auf eine Besiedlung durch Burgunder hin. Als die Wenden um 750 nach und nach von diesem Gebiet Besitz ergriffen, übernahmen sie auf der Ihnainsel eine befestigte Anlage, die sie „stari grad“ (alte Burg) nannten. Es soll dahingestellt bleiben, ob sie bei diesem Namen eine vorher bestehende Benennung "starn gat" (Sternentor) zu dem neuen Namen abgeschliffen haben.

Der Platz, an dem die wendische „Burg“ gestanden hat, ist vermutlich die höchste Stelle der Ihnainsel in der Nähe des später dort erbauten Weißkopfs. Sie bestand aus einem mäßig großen Ringwall mit wenigen Gebäuden darin, unter ihnen ein Haus des pommerschen Landesherren. Der älteste Siedlungskern von Stargard war also eine landesherrliche Befestigung des wichtigen Handelsplatzes. Hier war auch die Furt, die den Verkehr nach Osten weiterleitete. Zu Füßen dieser „Burg“, südlich der über die kleine Insel führenden Straße siedelten die ersten Bürger. Allmählich wurde das ganze Inseldreieck bebaut. Alle wollten den Schutz der Burg genießen und an den Vorzügen der Durchgangsstraße teilnehmen. Kunterbunt standen die Hütten der Fischer, Händler und einiger Bauern durcheinander. Fast möchte man sagen, der Ausdruck „Burg“ sei für die Anlage jener Zeit prahlerisch. Nicht ein einziges festes Haus stand innerhalb des Palisadenwalles. Alle Bauten, auch der Wendentempel und das Herzogshaus, waren aus Holz oder Fachwerk gebaut und mit Holz oder Schilfrohr gedeckt. Oft genug wird die ganze Herrlichkeit abgebrannt sein, und lediglich die Anwesenheit von Wachen gab dem hinfälligen Platz den Schemen einer Burg.

Das Schicksal von „stari grad“ erhielt eine Wendung, als das Christentum kam. 1124 taufte Bischof Otto von Bamberg in Pyritz die ersten Pommern, 50 Jahre später gründeten dänische Mönche das Kloster Kolbatz. Diese Zisterzienser werden in Stargard die ersten Taufen gewagt haben. Die Wenden begriffen schnell, dass mit dem neuen Glauben wachsender Wohlstand Hand in Hand ging. So kam das Christentum in unserem Gebiet langsam, aber sicher voran.

Vor 1187 erbauten die Johanniter als erste Stargarder Christen auf dem Berg westlich von „stari grad“ eine Ordensniederlassung, wozu auch die erste Johanniskapelle gehörte. Hier entstand durch Zuzug deutscher Handwerker, Bauern und Gewerbetreibender der zweite Siedlungskern von Stargard. Später brachte die Gründung eines Augustinerklosters 1199 durch Kasimir II. am Fuße der Johannishöhen am linken Ihnaufer den dritten Siedlungskern. Diese beiden tatkräftigen geistlichen Orden haben in kurzer Zeit das Gesicht der bisher wendischen Niederlassung in einen vorwiegend deutschen Ort verwandelt.

Lokatoren, vom Herzog mit Privilegien ausgestattete Unternehmer, warben nun planmäßig siedlungswillige „Pioniere“, auswanderungswillige Deutsche, in westdeutschen Gebieten an. Treck auf Treck zog aus dem Westen nach Pommern, und 1237 übertrug der Herzog bereits in seiner Landeshauptstadt Stettin deutschen Siedlern die Gerichtsbarkeit. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Stargard. Die Lokatoren hatten große Pläne und steckten ein großes Areal als Grenze der zukünftigen Stadt ab. Die Deutschen waren fleißig und bebauten von Anfang an die umliegenden Äcker im Johannisfeld und im Pyritzer Feld. Das Werderfeld gehörte den Dänen von Werder und Wiek, dem vierten Siedlungskern, und das Wallfeld bebauten die Wenden von der Ihnainsel. So gab es von Anfang an keinen Zank.

Der Marktplatz wurde weitläufig abgesteckt und daneben ein Platz für die Stadtkirche vorgesehen. Herzog Barnim war mit seiner Siedlungspolitik zufrieden und erhob Stargard am 24. Juni 1253 zur deutschen Stadt nach Magdeburger Rechtsverfassung. Damit entstand um den heutigen Marktplatz ein weiterer, der fünfte Siedlungskern. Aus der unbedeutenden Übergangsstelle im Ihnabruch war eine deutsche Stadt geworden. Seit der ersten Ansiedlung deutscher Mönche am Ihnaufer waren erst 44 Jahre vergangen. Die Stadt Stargard umfasste alle Siedlungskerne außer Werder/Wiek. Also wurde auch der wendisch besiedelte älteste Teil in das Stadtgebiet mit einbezogen und nach und nach ebenfalls mit einem regelmäßigen Straßennetz versehen, wie es die ostdeutschen Lokatoren Siedlungen aufzuzeigen pflegen. Barnim I. war bei der Verleihung des Stadtrechts an die Stargarder großzügig gewesen. Außer Land schenkte er der neuen Stadt die Ihna bis zur Mündung als Verkehrsader. Niemand sollte eine Brücke hinüber bauen dürfen, die die Schifffahrt hätte behindern können, denn Stargard wollte und sollte Seehandel treiben.

Die Tage der alten Burg waren gezählt. Bogislaw IV. ließ sie 1292 abreißen. 1230 war der Baubeginn der ersten Stadtmauer. Es hat sehr lange gedauert, bis sie fertig war, doch ist ihr Verlauf nicht verändert worden. Drei Landtore und ein Wassertor bildeten die Durchlässe. Die Straße von Pyritz her wurde durch das Pyritzer Tor (1439) herein geleitet, bei der Niederlassung der Johanniter entstand das Johannistor (1435), und beide Straßenzüge vereinigten sich im Nordosten beim Walltor zur Weiterreise nach Hinterpommern. Dazu kam das später "Mühlentor" (1410) genannte schöne Mauertor über die Ihna zum Schutz der Handelsschifffahrt. Um 1550 erst wurde das Walltor fertig. Außer den Toren standen drei stattliche Türme, der Weißkopf (1380), der Eisturm (1499) und das Rote Meer (1513) neben vielen Wiekhäusern und kleineren Türmen in der Mauer.

Vor den Toren bildeten sich neue Siedlungen, um Reisende, die nach Torschluss ankamen, beherbergen zu können. Die Gläubigkeit jener Zeit sorgte dafür, dass Kirchen und Kapellen mitgebaut wurden. Vor dem Pyritzer Tor war die Bautätigkeit am regesten. Hier entstanden Gast- und Rasthäuser, Hospitäler und Lazarette und eine Anzahl kleinerer Kapellen nebst der Kirche zum Heiligen Geist. Entlang der Straße zum Johannistor bauten die Bauern eine Scheunenzeile, die bis weit nach Seefeld hinauf reichte, und durch das Uhlentor kam man in die Straße nach Kunow, die jetzige Bahnhofstraße, ebenfalls beiderseitig bebaut.

Vor dem Walltor entstand die Schiffer-Vorstadt, wo die Handelsfahrzeuge für die Ihnaschifffahrt gebaut und bemannt wurden. Entlang der Straße nach Osten, die durch das nasse Bruch durch Aufschütten von immer neuen Schuttmassen allmählich zu einem Wall geworden war, siedelten sich ebenfalls Gastwirte und Handwerker zur Betreuung der Durchreisenden an. Trocken ist diese Gegend erst geworden, als der so genannte Kleine Krampehl durch einen Deich daran gehindert wurde, ständig die Zartziger Wiesen zu überschwemmen und als im gleichen Zuge auch die erhöhte Straße von der Kleinen Mühle bis zum Steinernen Kreuz aufgekarrt wurde. Diesen Gebietsstand behielt Stargard im wesentlichen bis zum Dreißigjährigen Krieg bei. Die Straßen hatten größtenteils andere Namen als heute. So hieß die Königstraße damals Wollweberstraße, die Wilmsstraße Reepschlägerstraße, die Jägerstraße Judengasse, der Kleine Wall Küterstraße usw.

Das Stadtwappen, von dem wir einen Siegelabdruck vom Frieden von Stralsund (1370) besitzen, bei dessen Abschluss Stargard auf Seiten der Hanse mitgewirkt hat, zeigt ein zweitürmiges Tor mit Blendenverzierung, dessen Türme durch einen gedeckten Wehrgang miteinander verbunden sind und das in einem umgekehrten Sparren mit Zinnen und Scharten steht. In dem Feld unter dem Wehrgang und zwischen den Türmen oberhalb des Sparrens ist ein rechtsgerichteter schreitender Greif, das Wappentier des pommerschen Herzogshauses, dargestellt, und oben über dem Dach des Wehrgangs, zwischen den beiden Zinnen geschmückten Türmen, steht ein großer sechsstrahliger Stern. Das Siegel ist im Dreißigjährigen Krieg verloren gegangen. Auf das Siegelbild gründet sich die Vermutung, dass Stargard vor und mindestens zu Beginn der Wendenzeit und in den deutschen und nordischen Handelsbüros den Namen Starngat = Sternentor geführt hat, denn der Einfluss des Dänischen und Nordischen ist an vielen Flurnamen und der Geschichte vieler pommerscher Orte leicht nachweisbar.

Als 1635 die Stadt in Flammen aufging und die Bürger, die dem Blutbad und dem Brand entgangen waren, größtenteils die Ruinenstadt verließen, sank die Einwohnerzahl von 12000 auf 1200; als dann Stettin zu Preußen kam und die hinterpommerschen Landesbehörden nach Stargard verlegt wurden, auf ganze 400 Seelen (1720). Es bedurfte der stetigen Fürsorge und tatkräftigen Hilfe durch die preußischen Könige, dass Stargard überhaupt existieren konnte. Erst unter Friedrich dem Großen wurde der Stadtplan wieder erweitert: Er veranlasste, dass in der Friedrichstraße eine Häuserzeile für Soldatenwitwen, die hier Wolle und Flachs spannen, gebaut wurde und dazu einen Wolle- und Flachsspeicher. Er ließ den Lauf der Ihna unterhalb der Stadt begradigen, um die oberhalb gelegenen Wiesen zu entwässern; er ließ die Stadtmühle stromab, aus dem Mauerkranz hinaus verlegen, und er verstärkte die Garnison.

Wenn er die pommerschen Regimenter inspizierte, geschah das stets bei Stargard, in einem Jahr im Pyritzer Feld, im anderen im Wallfeld. Dabei wohnte der König regelmäßig in einem einfachen Krug vor der Stadt. Als dieser große Herrscher die Augen schloss, war Stargard wieder gesund geworden. Zwar war es mit 7000 Einwohnern zu einer kleinen Stadt herabgesunken, der der Mauergürtel viel zu lose saß, aber die Bürger hatten wieder Mut.

Die nächste spürbare Veränderung des Stadtplans ergab sich 80 Jahre später, als 1844/45 die Eisenbahn kam und ein Personenbahnhof angelegt wurde. jetzt wuchsen die Straßen in westlicher Richtung auf den Bahnhof zu. Weite Teile der Stadtmauer wurden abgerissen und die Steine zu Straßenschotter gemacht. Der wichtigste Mauerdurchbruch kam 1845 im Zuge der Großen Mühlenstraße zustande: Das Neue Tor war nur eine Mauerbresche, aber hier wurde die neue Straße nach Osten auf Zartzig und Bromberg zu gebaut. Das Nadelöhr im Walltor war dadurch ganz erheblich entlastet.

1860 wurde den Stargarder Einwohnern ein kleines, aber wichtiges Geschenk gemacht mit dem Tordurchbruch durch den Sockel des Roten Meer Turms. Nun war der Weg zum Bahnhof auf einmal viel kürzer. Bald nach Eröffnung des Eisenbahnverkehrs kam eine Eisenbahnwerkstätte nach Stargard. Aus ihr wurde dann das Eisenbahnausbesserungswerk und später das Reichsbahnausbesserungswerk, das leistungsfähigste in Norddeutschland, mit seiner Lokomotivenhalle. 1939 war wohl ungefähr jeder vierte Stargarder ein Eisenbahner.

Die Versorgungsbetriebe der Stadt - Wasserwerk, Gaswerk, Elektrizitätswerk, Kanalisation, Schlachthof - gaben den Auftakt zum modernen Gemeinwesen. Durch den Bau der Grenadierkaserne 1880 wurde endlich Schluss gemacht mit den Bürgerquartieren der Soldaten, in denen sie 200 Jahre lang untergebracht gewesen waren. Beim Eisturm wurde die Mauer auch entfernt und die Königstraße nach Südwesten zur Pyritzer Chaussee hin verlängert. Hier wurde 1879/82 das Groeningsche Gymnasium gebaut. Der bisher benutzte Bau am Rosenberg wurde der Realschule, aus der dann die Oberrealschule geworden ist, zugewiesen. Das 1808 bereits im Zuge der Verwaltungsreform Wiek und Werder zum Stadtgebiet geschlagen wurden, regte niemand mehr auf, hatten doch schon lange alle aus dem gleichen Topf gegessen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Stadt durch Zuzug der Flüchtlinge aus Posen-Westpreußen nach Westen über die Bahnlinie hinaus. Nördlich der Stettiner Straße wurde die Reichsbahnsiedlung und südlich davon die Städtische Siedlung aus dem Boden gestampft. Damals wurde das bebaute Stadtgebiet vervielfacht. Als einziges öffentliches Gebäude wurde die Siedlungsschule eingerichtet. In der Hitlerzeit kam die Seelhorstkaserne am Großen Exerzierplatz hinzu, und die Wohngebiete schoben sich rechts der Stettiner Straße bis Lindenhof vor. Auch vor den anderen Toren wurde gebaut: Neuer Werder, Elsnerstraße, Eschenweg und Südmarksiedlung; am Klempiner Weg baute die Brennerei F. J. Mampe eine Siedlung für Werksangehörige, an der Freienwalder Chaussee, dem Wulkower Weg und der Alten Zartziger Landstraße entstanden Wohnsiedlungen aus Einfamilienhäusern. Am 10. August 1942 wurde in Stargard in der Johannisstraße ein Junge geboren als 40000. Einwohner. Ihm legte die Stadt ein Geburtstagsgeschenk in die Wiege, das sie leider nicht hat einlösen können: ein Stipendium zur kostenlosen Ausbildung zu jedem beliebigen Beruf.

Damit sind wir mit unserer Betrachtung an dem Wendepunkt der Stargarder Geschichte angelangt, der den Deutschen das Recht der Fürsorge für ihre Heimat entrissen hat und sie einem fremden Volk in die Hand gab, das nicht mit dem Stargarder Boden verwurzelt ist, sondern auch zwangsweise umgesiedelt wurde. März 1945 brannte Stargard wieder völlig ab, und die leere Fläche der Altstadt hat viele Jahre lang wie ein totes Auge in den pommerschen Himmel gestarrt. Inzwischen ist fast das ganze Gebiet innerhalb der Mauern wieder in den alten Straßenzügen bebaut worden, zwar völlig anders als zu unserer Zeit aber der Stadtplan hat sich nicht verändert. Lediglich beim Bahnhof ist ein großer Platz als zentraler Omnibusbahnhof hergerichtet worden, indem etwa die halbe Bahnhofstraße und ein Teil der Barnimstraße fortgeräumt wurde.

 

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